Die Jüngsten erheben ihre Stimme

Schuhputzer

»Gebt uns Rechte und lasst uns arbeiten!« – In Bolivien haben Kinder ihre eigene Gewerkschaft

Thomas Guthmann / Ana Salazar Tórrez

Wenn die Fußgängerzone, die Comercio, in Boliviens Metropole La Paz zum Leben erwacht, hat Guillermo bereits lange seinen Schlaf aus den Augen gerieben. Seit den frühen Morgenstunden war er unterwegs, um aus der Vorstadt ins Stadtzentrum zu fahren. Jetzt sitzt er in der Fußgängerzone an der Ecke zur Avenida Ayacucho auf einem Schemel, eine Skimütze über das Gesicht gestülpt, seine mit Schuhcreme verschmierten Hände umklammern eine abgewetzte Bürste. Immer wieder streckt er den Arm aus und deutet auf das Schuhwerk vorbeihastender Geschäftsleute und Touristen.

Seit einiger Zeit arbeitet der Dreizehnjährige als Schuhputzer. Das Geld, das er verdient, trägt zum familiären Einkommen bei: »Für die normale Reinigung verlange ich ein Boliviano (etwa zehn Eurocent), wenn die Schuhe sehr schmutzig sind, nehme ich anderthalb« meint der schmächtige Junge mit den dunklen Gesichtszügen. Manchmal stecken ihm die Kunden mehr Geld zu, dann ist es einer jener Tage, die Guillermo Glückstage nennt, »so habe ich auch schon mal 80 Bolivianos verdient. Normal sind aber 30 Bolivianos am Tag«. Für das Geld, das er verdiene, so erklärt der schmächtige Junge, während er auf die Kundschaft schielt, »kaufe ich Dinge, die ich fürs Leben benötige, Kleidung oder Materialien fürs Lernen«. Guillermo lernt gerne und geht auch gerne zur Schule. Für einen regelmäßigen Besuch fehlt ihm allerdings wegen des Schuheputzens die Zeit. Von morgens bis abends arbeitet er momentan, »nur am Sonntag ruhe ich mich aus«.

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