Archiv der Kategorie 'Gesellschaft'

Wales: schöne Landschaften, schräge Dichter, schroffe Sounds

›Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch‹! Der Buch­stabensalat steht in Wales für eine Ortschaft mit Bahnhof. Der Länge wegen ist die Station im Guiness-Buch der Rekorde verzeichnet. Kinder verdienen sich bei Touristen ein paar Pennys, wenn sie das Buchstabendurchein­ander hörbar machen und vorlesen. Zwei von drei Bewohnern im walisischen Norden sprechen die Sprache. Damit ist Walisisch die Lebendigste unter den keltischen Sprachen.

Schöne Landschaften
Malerisch begegnet einem Wales am Stausee von Llanberis

Seit der Eroberung durch die Angelsachsen im 13. Jahrhundert war der Westen Britanniens lange Zeit wie eine Kolonie verwaltet worden. Die Waliser mussten als billige Arbeitskräfte in Schiefersteinbrüchen schuften. Trutzburgen, wie das Caernarfon Castle zeugen von dieser Geschichte ebenso wie der Union Rock. Der einsame Felsen bei Llanberis war zu Beginn des 20. Jahrhundert die einzige Möglichkeit für Bergleute ihre Gewerkschaftsver­sammlungen abzuhalten. Die englischen Lords hatten Versammlungen auf ihrem Land untersagt. Die walisische Sprache förderte den Zusammenhalt der Gewerkschafter und führte dazu, dass die Waliser – anders als Schotten und Iren – nicht in Scharen in die USA auswanderten.

Kreatives Wales
Kultur wird im ländlichen Wales groß geschrieben

Vital geblieben ist Gymraeg durch die unbändige Leidenschaft für Poesie, die in der walisischen Seele wohnt. Die Liebe auf das Reimen wird in Poesiewettstreits offenbart. Ende der 80er Jahre begannen junge Waliser – ganz unkonventionell – ihre Dicht­kunst unter schräge Gitarrenriffs zu legen. Ganz nebenbei bekam die Sprache dadurch ein modernes Gesicht.

Am 24. April war mein Beitrag im Sonntagsspaziergang im Deutschlandfunk zu hören

El Alto – Avantgardistisch-urbaner Höhepunkt Boliviens

„Wow, das ist hier anders!“ flüsterte mir eine Bekannte zu, als wir über den riesigen Markt der 16. Julio schlenderten. Sie war keineswegs unvertraut mit Lateinamerika. Gerade war sie von Boston über Panama, Kolumbien und Chile nach El Alto getingelt. Hier wich die Abgebrühtheit der Reisejournalistin einem ungläubigen Staunen. In El Alto blieb ihr die Luft weg und das lag keineswegs an den 4000 Höhenmeter, auf denen sich die Millionenmetropole befindet.

Tanz zu Ehren der Minenarbeiter
Marktplatz El Alto Vorstadt Tristesse in El Alto Chola B�¼rgertum

Wer sich nach El Alto begibt, dem stockt in jeder Hinsicht der Atem. Jeder Vergleich mit anderen urbanen Räumen, den man bemüht um die Stadt im bolivianischen Hochland zu begreifen, hinkt. In der Begegnung mit El Alto gerät man zwangsläufig ins grübeln: ist es ein Slum? eine indigene Stadt? Land und Stadt zugleich? Metropole? El Alto ist das alles zugleich. In der Ceja aus dessen Nachtclubs Chicha-Cumbia dröhnt und in der Nachtschwärmer im Morgengrauen auf das erwachende Marktgeschehen treffen, manifestiert sich die pulsierende Metropole, die niemals schläft. In den Märkten zeigt sich die wirtschaftliche Potenz und zugleich die Präsenz des ländlichen Raums. El Alto hat starke Beziehungen zu seinem Umland. Die Mehrzahl der Bewohner sind Aymara und Qechua. Die Dörfer am Titicacasee sind Teil des städtischen Lebens geblieben. El Alto ist zugleich ein Slum, die ärmste Stadt Boliviens. Noch immer prägen informelle Hinterhofökonomie, kleine Markststände und windschiefe Hütten weite Teile die Stadt.

Proteste El Alto
Protest Rush Hour Am Flughafen

Im 21. Jahrhundert hat sich El Alto auf dem Weg gemacht, seiner Rolle als Elendsviertel zu entschlüpfen. Das macht die Einzigartigkeit der Stadt aus. Denn als Elendsquartier ähnelt es vielen urbanen Gegenden Lateinamerikas. Aber keine hat es jemals geschafft zum Rolemodel für das ganze Land zu werden. 2003 verjagten die Alteños mit einem Aufstand den Präsidenten Gonzales Sanchez de Lozada. Die Stadt ebnete damit Evo Morales den Weg.

Der WDR sendete auf seinem 5. Programm (Neugier genügt!) mein Feature: Menschen gestalten ihre Stadt


Mein O-Ton-Feature über die Ereignisse im Krieg ums Erdgas 2003 in El Alto (Veröffentlicht bei ONDA)

Das O-Ton Feature auf Spanisch (Veröffentlicht bei Radio MATRACA)

Im Neuen Deutschland erschien von mir am 18.10.13 auf Seite Drei die Reportage: Am höchsten Punkt der lateinamerikanischen Revolution

Mangelware für die Armen

Vor 13 Jahren stoppte ein breites Bündnis von Bürgern in Cochabamba die Privatisierung der Wasserversorgung. Die Regierung versprach mehr Beteiligung und Wasser für alle. Die Einwohner im Süden der Stadt haben das Warten darauf inzwischen satt.

Am Platz der Flaggen, der „Plaza de Banderas“, versprüht Cochabamba den Charme einer modernen Großstadt. Im Geschäftsviertel der drittgrößten Stadt Boliviens deutet nichts darauf hin, dass man sich im ärmsten Land Südamerikas befindet. Vans und Limousinen schieben sich durch den Kreisverkehr, der mit Fahnen aus aller Herren Länder geschmückt ist. Moderne Bürogebäude umsäumen den Platz, an der Ecke thront ein Multiplex Kinocenter. Hier sind alle Haushalte an das Netz des lokalen Wasserversorgers SEMAPA angeschlossen. Das lebenswichtige Nass kommt zuverlässig aus dem Hahn, Tag und Nacht.

Nur wenige Kilometer südlich ändert sich das Bild. Plätze und Straßen in der „Zona Sur“ sind staubig und mit Schlaglöchern übersät. Die Häuser schmiegen sich windschief an die in rote Erde getauchten Hügel. In diesem Teil von Cochabamba, der in den vergangenen Jahrzehnten infolge der Landflucht entstanden ist, gehört der Mangel an Wasser zum Alltag. In vielen Barrios der Zona Sur gibt es bis heute kein fließendes Wasser, die Bevölkerung wird mit Tanklastern versorgt. Sie kommen nur unregelmäßig und das Wasser, das sie für viel Geld verkaufen, ist nicht zum Trinken geeignet. „Das Wasser, das wir von den Tanklastern bekommen, ist verschmutzt und mit Bakterien durchsetzt“, berichtet Luis Patiño vom lokalen Wasserkomitee von Mineros.

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Erschienen in: Welt-Sichten